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Mittwoch, 11. September 2013

Folgen einer Eltern-Kind-Trennung und Heimerziehung innerhalb der ersten sechs Lebensjahre

A.

Allgemeines zur Heimerziehung


1. Allgemeines
Es ist in der Psychologie und Erziehungswissenschaft unumstritten, dass Eltern-Kind-Trennungen gegen den Willen der Eltern und Kinder, ganz gleich unter welchen Voraussetzungen, für Kinder jeden Alters eine traumatische Trennungserfahrung darstellen.

Des Weiteren ist unumstritten, dass insbesondere Trennungserfahrungen in den ersten sechs Lebensjahren besonders traumatisierende Erlebnisse darstellen, welche zudem langfristige negative Folgen für die physische und psychische Entwicklung beherbergen.

Hintergrund dieser Feststellung ist der Umstand, dass innerhalb der ersten sechs Lebensjahre im Rahmen enger Bindungsbeziehungen die Basis für ein „Urvertrauen“ in soziale Beziehungsverhältnisse aufgebaut werden, welche zugleich auch als notwendige Basis für den Aufbau und Erhalt sozialer Beziehungen außerhalb der Familie, sowie als Basis eines stabilen Selbstwert- und Selbstwirksamkeitsgefühles gilt.

Zugleich sind die engen Bindungsbeziehungen im frühen Kindesalter notwendige Voraussetzungen  zum Spracherwerb, denn die Sprachfähigkeiten werden ausschließlich über direkte Ansprache ausgebildet. Ähnliches gilt für die Entwicklung (fein-)motorischer, akustischer und visueller Fähigkeiten.

Bei Herausnahme eines Kindes aus einem familiären Bindungs- und Beziehungsgefüge muss sich das betroffene Kind in einer völlig fremden Umgebung orientieren, deren Kennzeichen zugleich eine für das Kind unbekannte Beziehungsstruktur repräsentiert. Aus Sicht des Kindes geht nicht nur die vertraute Eltern-Kind-Beziehung bei Herausnahme verloren, sondern für das Kind bedeutet die Trennung zusätzlich ein Verlust seines geborgenen Lebensumfeldes (vertrautes Zimmer, vertrautes Kinderbett, vertrautes Spielzeug, Kindergarten und damit verbundene soziale konstante Beziehungen, sowie Kontakte zur Verwandtschaft )

Neben diesen Verlusten fehlen dem betroffenen Kind ganz besonders die benötigte stabile liebevolle Zuwendung und Geborgenheit.

Der Verlust der o.g. Beziehungen und Umgebungsvariablen, stellen zugleich einen Verlust der für das Kind verfügbaren sog. „Schutzfaktoren“ dar, so dass ein Kind bei Herausnahme aus seiner Familie unabhängig vom Ort des weiteren Aufenthaltes die bisher vorhandenen Schutzfaktoren völlig verliert und seiner neuen Umgebung damit auch ohne Schutz „ausgeliefert“ ist.  (Scheithauer & Petermann 1999, S. 6 f).

Die aus solchen Trennungserfahrungen resultierende Folge wird „Hospitalismus“ oder „Deprivationssyndrom“ genannt und ist daher auch Gegenstand in der Ausbildung von ErzieherInnen, Sozialpädagoginnen und ErziehungswissenschaftlerInnen.

Nicht ohne Grund enthalten  die zum Kinder- und Jugendhilfegesetz verfassten Gesetzeskommentare allesamt Hinweise zu den kritischen Folgen einer Inobhutnahme sowie einer Heimerziehung. Zahlreiche Folgen sind auch nicht dadurch zu vermeiden, dass manche Heime über gut qualifiziertes Personal und/oder über einen hohen Personalschlüssel verfügen und/oder ein wohnliches und anregendes Umfeld bieten.


2. Besondere Merkmale und Folgen bei einer Heimerziehung

2.1. Wegfall individueller Beziehungs- und Betreuungsverhältnisse
Grundsätzlich bedeutet Heimerziehung, dass keine Einzelbetreuungen, sondern Gruppenbetreuungen stattfinden, bei ständig wechselndem Personal. Der Personalwechsel ist zu einem gekennzeichnet durch die gesetzlichen Arbeitszeiten, welche damit eine „Rund-um-die-Uhr-Betreuung“ durch feste Bezugspersonen nicht ermöglicht. Weiter ist der Personalwechsel abhängig von der jeweiligen „betrieblichen“ Zugehörigkeit des Betreuungspersonals, welche gerade im Bereich der Sozialarbeit durch hohe Mitarbeiterfluktuationen gekennzeichnet ist.

2.2. Weitere Kritikpunkte im Gesetzeskommentar zum SGB VIII

Weitere Kritik an der Heimerziehung benennt z.B. Münder im Kommentar zum SGB VIII, Rn 6, Seite 441:

  • 1.    Anonymes und beziehungsarmes Milieu mit besonderer Ausprägung in großen Einrichtungen
  • 2.    Identitätsstörende und stigmatisierende Wirkung institutioneller Erziehung
  • 3.    Künstlichkeit und Abgehobenheit des pädagogischen Milieus im Heim
  • 4.    wenig verlässliche Bezugssysteme, bürokratische Handlungsabläufe, Schichtdienst, „Personalfluktuation mit der Folge von Beziehungsverlusten und Desorientierung bei den Kindern und Jugendlichen
  • 5.    Abkapselung der Heime von den umgebenden sozialen Umwelten

Die nachteiligen Auswirkungen einer Heimunterbringung werden oft noch durch den Umstand verstärkt, dass die Beziehungen zu den elterlichen und verwandten Bindungs- und Beziehungspersonen durch Umgangsausschlüsse, Umgangsbehinderungen und seltene Umgangstermine behindert oder gestört werden, so dass ein Heimaufenthalt für die betroffenen Kinder oft regelhaft bestehende Bindungen und Beziehungen abbrechen oder instabil werden lassen. Angesichts des oben ausgeführten Schutzfaktoreneffekts von vertrauten Beziehungen und Bindungen stellt die neben der Heimunterbringung oftmals praktizierte Umgangsausschließung oder Umgangseinschränkung eine zusätzliche Belastung dar.

FAZIT: Grundsätzlich führt eine Trennung und zugleich eine Unterbringung im Kinderheim zum Wegfall bestehender Schutzfaktoren und zur Maximierung von Risikofaktoren, welche die kindliche Entwicklung bedrohen.

B.

Besonderheiten bei Trennung innerhalb der ersten sechs Lebensjahre


Eine stabile Bindungsbeziehung ist Voraussetzung für die Entwicklung einer emotionalen Sicherheit.

Grundsätzlich wird die emotionale Sicherheit bei Trennung eines Kindes von seinen Bindungspersonen stark gefährdet, wobei folgende Grundsätze gelten:

  • 1.    Je jünger das Kind, desto schwerwiegender sind die Folgen einer Trennung von Bindungs- und Beziehungspersonen
  • 2.    Trennungen in den ersten sechs Lebensjahren aus stabilen Bindungsbeziehungen werden am schlechtesten verkraftet, wobei in der Entwicklungswissenschaft Einigkeit darüber besteht, dass die Trennungsfolgen lebenslang Einfluss auf das zukünftige Leben haben.
Säuglinge, Klein- und Vorschulkinder benötigen ein stabiles Lebensumfeld, welches ihnen Sicherheit und Geborgenheit bietet.
Kinderheime können schon aufgrund ihrer Organisationsstruktur diese Anforderungen nicht erfüllen, weswegen in der Regel Kinder bis zum 6. Lebensjahr üblicherweise nicht in Kinderheimen untergebracht werden. In dieser Altersphase werden für eine gesunde psychische Entwicklung enge emotionale Bindungen und Beziehungen zu einem kleinen überschaubaren Personenkreis benötigt, weil Klein-undVorschulkinder nur bedingt in der Lage sind,  negative Emotionen zu regulieren und ihre emotionalen Bedürfnisse im notwendigen Umfang zum Ausdruck zu bringen. Die engen Bindungs- und Beziehungspersonen kennen i.d.R. von Geburt an die individuellen Eigenschaften ihres Kindes und sind daher am besten in der Lage die Emotionen des Kindes zu verstehen und zu regulieren. Es versteht sich von selbst, dass diese Voraussetzungen fremde Betreuungspersonen nicht bieten können.

Kinder in der Altersgruppe bis zum Schulalter  besitzen noch unzureichende soziale Kompetenzen und Techniken der Emotionsregulation. Daher ist eine Trennung in diesem Kindesalter mit zusätzlichen Risiken verbunden, welche bei älteren Kindern in geringerem Ausmaß bestehen.

Naturgemäß sind Kinderheime sowohl personell als auch hinsichtlich ihrer Erfordernisse der beruflichen Qualifikationen, ihres Betreuungsverhältnisses (d.h. der Anzahlder Betreuer) nicht ausreichend ausgestattet.
Kinder in dieser Altersgruppe finden in ihrem Zuhause Verhältnisse vor, welche im Heim nicht geboten werden können:
  • 1.    Dieselben Bezugspersonen rund um die Uhr
  • 2.    Intensives Vertrauensverhältnis aufgrund der gewachsenen Bindungen
  • 3.    Bindungspersonen, denen die individuellen Eigenheiten und besonderen Bedürfnisse ihres Kindes bekannt sind
  • 4.    Bindungspersonen, welche für das Kind ein zuverlässiger und stabiler Faktor sind und außerdem jederzeit verfügbar sind. Dieser Umstand vermittelt dem Kind Sicherheit und eine Vertrauensbasis.
  • 5.    Bei natürlich auftretenden Belastungssituationen bieten die Bindungspersonen eine externe stabile Basis zur Bewältigung, d.h. sie stellen im kindlichen Lebenein wesentlicher Schutzfaktor dar.
Im Kinderheim sind die o.g. Verhältnisse nicht gegeben.

Vgl. dazu auch den Beitrag zur Heimkinderforschung in Gehirn und Geist 1/2010:
Die sensiblen Jahre

Wer in einem Kinderheim aufwächst, startet mit vielen Nachteilen ins Leben. Diesen Verdacht belegt jetzt eine Forschergruppe um den Neurowissenschaftler Charles A. Nelson von der Harvard Medical School. Ihr einzigartiges Feldexperiment in Rumänien zeigt: Je früher Heimkinder in Pflegefamilien vermittelt werden, desto größer die Chance, kognitive und emotionale Rückstände aufzuholen.

Wie sich aus dem im Beitrag befindlichen Schaubild aus dem Wissenschaftsmagazin Gehirn und Geist 1/2010 zu den Studien der Forschergruppe um Nelson ergibt, ist sowohl die Intelligenzentwicklung, als auch das Auftreten psychiatrischer Störungen bei Kinderheimkindern am stärksten ausgeprägt, wobei auch abzulesen ist, dass der Intelligenzquotient zwischen 3 ½  und 4 ½ Jahren während eines Heimaufenthaltes oder in einer Pflegefamilie abnimmt, während die Intelligenzentwicklung bei den Eltern kontinuierlich ansteigt.
(c) Schaubild aus dem Wissenschaftsmagazin Gehirn und Geist Nr. 1, 2010 von Seite 42 - Beitrag: Die sensiblen Jahre




Auch wenn Kleinkinder keine äußerlich erkennbaren Trennungsreaktionen (weinen, Ablehnung der Betreuungspersonen, aggressives oder vemeidendes Verhalten u.a.) aufweisen, sondern sich äußerlich besehen unbeschwert und fröhlich zeigen, so darf dieses Verhalten nach wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht zu dem Fehlschluss verleiten, dass diese Kinder nicht unter der Trennung ihrer Bezugspersonen leiden könnten. Denn erstaunlicherweise ist hier das Gegenteil der Fall.

So konnte wissenschaftlich belegt werden, dass auch diese Kinder eine traumatische Reaktion haben, welche unter Umständen sogar stärker ausgeprägt sein kann wie bei Kindern, welche sichtbare Trennungsreaktionen zeigen. Studien von Ahnert und Scheerer belegen, dass sogar noch Wochen nach der Trennung, d.h. nachdem sich die betroffenen Kinder wieder in ihrer Familie befanden, Cotisolspiegelanstiege  vorhanden waren. (Anhand der Messung des Stresshormones Cortison = „Cortisolspiegel“ kann objektiv das Ausmaß des erlebten Stresses gemessen werden.)

Wenn getrennt untergebrachte Kinder sich äußerlich fröhlich und unbeschwert zeigen erliegen Betreuungspersonen daher oftmals dem Irrtum, dass diese Kinder keine Trennungsreaktionen zeigten und sich wohl fühlten. Dies ist eine fatale Fehleinschätzung, denn Forschungen haben gezeigt, dass  sich gerade bei diesen Kindern oftmals schwerere Nachfolgereaktionen zeigen und lange nach der Rückkehr nach Hause, d.h. noch nach Monaten der Beendigung der Trennung erhöhte Werte des Stresshormons Cortisol aufweisen. (Scheerer 2009)
Die Trennungsängste dieser Kinder zeigen sich eher über psychosomatische Symptome (Krankheiten, Unwohlsein, Kopf-Bauchschmerzen,Hautirritationen) und/oder in großer zeitlicherVerzögerung. (GAIHM 2008, 22; Scheerer 2009, 202; Beller 2002, 10).

FAZIT: Grundsätzlich kann festgestellt werden, dass frühe Trennungserlebnisse lebenslang auf die Betroffenen wirken und ihr Bindungs-, Leistungs- und Sozialverhalten beeinflussen.
Es versteht sich von selbst, dass die Ausprägung der genannten Auswirkungen zugleich auch abhängig von der Dauer der Trennung (Deprivation) sind.



Literatur:



AHNERT, Lieselotte (1998): Theorien und Tatsachen bei der Erforschung außerfamiliärer Kleinkindbetreuung. In: AHNERT, Lieselotte (Hrsg.): Tagesbetreuung für Kinder unter drei Jahren. Tatsachen und Theorien. – Hans Huber Verlag: Bern, Göttingen, Toronto, Seattle, S. 193-214

AHNERT, Lieselotte (2005): Entwicklungspsychologische Erfordernisse bei der Gestaltung von Betreuungs- und Bildungsangeboten im Kleinkind- und Vorschulalter. In: SACHVERSTÄNDIGENKOMMISSION ZWÖLFTER KINDER-UND JUGENDBERICHT (Hg.): Bildung, Betreuung und Erziehung von Kindern unter sechs Jahren.– Verlag Deutsches Jugendinstitut: München, 1. Band, S. 9-54

HARDIN, Harry T.; HARDIN, Daniel H. (2009): Zu den Schicksalen früher Ersatzmutterschaft. Verlust der Ersatzmutter und Arretierung der Trauer. In: Frühe außerfamiliäre Betreuung. Analytische Kinder und Jugendpsychotherapie. Zeitschrift für Theorie und Praxis der Kinder- und Jugendlichen-Psychoanalyse und der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie, 142, 2, S. 213-243

SCHEERER, Ann Kathrin (2009): Zu früh, zu schnell, zu lange, zu allein. Risiken der Krippenbetreuung. In: Frühe außerfamiliäre Betreuung. Analytische Kinder und Jugendpsychotherapie. Zeitschrift für Theorie und Praxis der Kinder- und Jugendlichen-Psychoanalyse und der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie, 142, 2, S. 195-212

Scheithauer, H. & Petermann, F. (1999): Zur Wirkungsweise von Risiko- und Schutzfaktoren in der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Kindheit und Entwicklung, 8 (1),

SCHIPPER, Clasien J.; VAN IJZENDOORN, Marinus H.; TAVECCHIO, Louis W. C. (2004): Stability in Center Day Care: Relations with Children’s Well-being and Problem Behavior in Day Care. In: Social Development 13, 4, S. 531-550

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