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Montag, 17. November 2008

Chronische Unterfinanzierung der Jugendämter: Folge = Kinderklau

Es gibt berechtigte Klagen über Jugendämter, welche nicht nach den Prinzipien der gesetzlichen fachlichen Standards arbeiten (Kinder- und Jugendhilfegesetz SGB VIII - 'KJHG'). Die vorsorglichen und rechtswidrigen Kindeswegnahmen aus Familien steigen ständig, die extrem hohen Kosten der Heimunterbringungen auch.

Gleichzeitig nimmt die "staatliche Kindeswohlschädigung" zu, denn Fremdunterbringungen führen regelmässig auch zu "psychischen Schäden" bei Kindern. (siehe dazu die aktuelle Studie von Günder: (PDF-Datei) Forschungsprojekt Aggressionen in der Stationären Erziehungshilfe
Eine empirische Studie Prof. Dr. Richard Günder und Prof. Dr. Eckart Reidegeld.
Zitat daraus:
"Aufgrund einer Analyse von 197 Jugendhilfeakten stellte das Forschungsprojekt JULE fest, dass in 25,9 % der Fälle aggressives Verhalten und in 9,6 % autoaggressives Verhalten Indikationen für die Stationäre Erziehungshilfe gewesen waren (Hamberger 1998, 210)."
und folgende Untersuchung:(PDF-Datei)Hilfe-, Schutz- und Kontrollorientierung in der Erziehungshilfe. Soziale Arbeit in einem grenzenüberschreitenden Raum, Hans Günther Homfeldt/Katrin Brandhorst (Hrsg.)

Nun ist es sehr einfach, Jugendamtsmitarbeiter als die einzig "Schuldigen" für den staatlich organisierten Kinderklau anzusehen. Denn wie hier die LINKE* zu Recht feststellt:

Die Linke: Familienministerin bekämpft beim Kinderschutz nur Symptome:
(BSOZD.com-NEWS) Berlin. Auch weitere Kontrollsysteme können nicht darüber hinwegtäuschen, dass vor allem Kinderarmut und unterfinanzierte Jugendämter den Kinderschutz behindern“, erklärt Diana Golze zur Pressekonferenz der Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) über Kinderschutz und den Zwischenbericht zum „Aktionsprogramm Frühe Hilfen“.
liegt die Ursache sehr viel tiefer. Die in der Vergangenheit über Presseberichte bekannt gewordenen Versäumnisse des staatlichen Kinderschutzes der Jugendämter führte bei vielen Jugendämtern zur Praxis einer sog. "reaktiven Jugendhilfe". Diese Form der Jugendhilfe wird vom Kinder- und Jugendhilfegesetz ausdrücklich abgelehnt und entspricht nicht den erwarteten "fachlichen sozialpädagogischen Standards".

Die Generalklausel § 1 des KJHG und das Familienrecht setzen die Rahmenbedingungen für Themen, welche das elterliche Sorgerecht bzw. die Rahmenbedingungen für Eingriffe in das elterliche Sorgerecht bestimmen. (Kommentar KJHG, 2006, Münder, Rdnr. 26, S. 87/88)
„Die mit dem Prinzip der Interessenvertretung verbundenen Ansprüche und Erwartungen an eine offensive, d.h. präventive, aktivierende und Struktur verändernde Jugendhilfe stehen bisweilen immer noch in Widerspruch zu einer Praxis, die sich – eingespannt in administrativ-hierarchische Strukturen, gekennzeichnet durch materielle und personelle Defizite und unterentwickelte Fachlichkeit – lediglich auf Verhaltensauffälligkeiten und Symptome abweichenden Verhaltens bezieht, mit Interventionen reagiert, ohne den sozialen Kontext, in dem die Handlungsadressaten leben, in den Analyse- und Veränderungsprozess einzubeziehen (reaktive Jugendhilfe)

Die kinder- und jugendpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE, Diana Golze, stellt weiter fest (Aufgrund eingesparter Familienleistungen und Jugendamtpersonals fehlte es an kontinuierlicher Förderung, Betreuung und Hilfen.):
„In der Debatte über Kinderschutz werden die sozialen und gesellschaftlichen Hintergründe ausgeblendet. Während die Jugendämter personell immer mehr ausgedünnt und durch Föderalismusreformen gänzlich behindert werden, sollen sie gleichzeitig zu Hilfssheriffs verkommen. Doch Erhöhung der Anforderungen bei reduziertem Personal bedeutet weniger Zeit für Qualifizierungen und Fortbildung im Kinderschutz.
[...]
Aufgrund eingesparter Familienleistungen und Jugendamtpersonals fehlte es an kontinuierlicher Förderung, Betreuung und Hilfen. [...]
DIE LINKE will zuerst das Kindeswohl schützen und fordert deshalb die Rücknahme der Kürzungen in der Kinder- und Jugendhilfe. Zu einem besseren Kinder- und Jugendschutz gehören mehr Mittel für Jugend- und Familienhilfen, eine Kinder-Grundsicherung, um sozial benachteiligte Kinder aus der Armut zu befreien, ein Rechtsanspruch auf gebührenfreie Kinder-Ganztagsbetreuung und Ganztagsschulen mit Bildungschancen für alle.“
Auch ohne Parteianhänger(in) der LINKEN zu sein, so sind die hier gestellten Forderungen - auch aus Sicht der Jugendämter, aus Sicht des staatlichen Schutzauftrages für die betroffenen Kinder und Familien, aber auch aus der Sicht des "Arbeitsschutzes" für chronisch überforderte Jugendamtsmitarbeiter - absolut berechtigt.

*Mein Zitat der Partei "LINKE" bedeutet nicht, dass ich politisch bzw. ideologisch dort einzuordnen bin, sondern bezieht sich ausschließlich darauf, dass die Parteivertreterin Diana Golze aus meiner Sicht einen äußerst wichtigen und vernachlässigten Aspekt des staatlichen Jugendschutzes anspricht.

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